Freitag, 27. November 2009

Treffen sich ein gruenes Brot und ein Tiger...

Wie in Berlin finden auch hier in Obihiro wieder Klausuren statt und da ich wieder nur die Klausuren schreiben muss, die ich schreiben will, habe ich heute einfach mal frei. Gestern habe ich den Englisch-Test geschrieben, am Montag kommt japanische Lyrik und am Dienstag wieder Englisch, Englisch und japanische Lyrik ist der einzige Unterricht, in dem ich aufpasse, denn meistens lerne ich selbststaendig Japanisch!

Vor wenigen Wochen hatte ich mich mit Nathalie bei der AFS-Bezirksleiterin (Fr. Baba) getroffen, um Brot zu backen. Zopf, um genauer zu sein. Als Rezept haben wir das naechstbeste aus dem Internet genommen und Zutaten, die es hier nicht gibt, durch irgendwas anderes ergaenzt. Da sie anscheinend genau so wenig Brot backen kann wie ich, war das Brot zwar ziemlich lecker, aber von Zopf keine Spur. Trotzdem ist es bei allen gut angekommen. Auf Grund grosser Nachfrage von Klassenkameraden meiner Schule und derer Nathalies, entschieden wir uns, letzte Woche einfach nochmal zu backen, diesmal nicht nur Brot, sondern auch Kekse! Dan und Ohana wollten ebenfalls mitbacken und wir mieteten uns eine grosse Kueche, liessen uns die Zutaten kaufen und dann ging es letzten Sonntag auch schon los.
Da wir ein Zeitlimit hatten, entschieden wir uns, alles separat zu backen, ich war fuer den Zopf und Nathalie fuer das Gebaeck zustaendig, die anderen beiden haben immer hier und da ausgeholfen. Alles in allem verwendete ich die selben Zutaten wie vom letzten "Zopf", nur dass ich diesmal noch etwas Maccha hinzufuegte. Maccha ist eigentlich ein saftig gruener Tee, der recht bitter schmeckt und auch nicht gerade wenig kostet. Zum einen gibt es Maccha als Tee, zum anderen auch als Pulver, welches man z.B. in Lebensmittel macht, um sie mit diesem wunderbaren Gruen zu faerben oder ihnen tatsaechlich den Maccha-Geschmack zu verleihen. Maccha in Lebensmitteln (meist in Suessigkeiten) schmeckt nochmal ganz anders, als der Tee und im Gegensatz zu Anko, der roten Bohnenpaste, moegen die meisten Japaner Maccha.
Mit dem Maccha habe ich nicht gespart (uebrigens kosten 40 Gramm von diesem Pulver gut sieben Euro, wenns eine sehr billige Variante ist), denn schliesslich wollte ich das Brot nicht nur faerben, sondern auch nach Maccha schmecken lassen. Mit der Hilfe Ohanas, die anscheinend schon des oefteren Brot gebacken hat, hatte ich dann auch einen wunderbaren Teig, der sich gut weiterverarbeiten liess. Nathalie kam auch sehr gut vorran und wir hatten generell viel Spass und viel gute Musik!








Unter leichtem Zeitdruck konnte ich dann endlich meinen Zopf, nunja, eigentlich waren es nur noch Broetchen, die ich aus dem Zopfteig geformt habe, in den Ofen schieben. Die sind dann auch schoen gross geworden und nach einigen Minuten backens, nahm ich natuerlich eine Kostprobe. Hm. Schmeckt wie ein normales Broetchen. Ich glaube, ich hatte einfach zu viel Mehl reingemacht. Nathalie meinte, es schmeckt nach Maccha, ebenso die anderen (spaeter meinten das Okaasan und Otousan auch, anscheinend waren meine Geschmacksnerven an dem Tag stimuliert). Lecker waren sie allemal und nachdem ich den anderen drei je noch vier von den 16 Broetchen geschenkt hatte, mussten Nathalie und Dan auch schon weg. Vorher haben wir noch Nathalies Kekse ein bisschen genascht, wirklich sehr leckere Exemplare. Ohana und ich blieben noch eine Weile, denn sie musste mich fuer die Neujahrskarten schminken!

Bei den Neujahrskarten handelt es sich um die sogenannten Nengajo, eine alte japanische Tradition, die wie die meisten anderen japanischen Traditionen, einfach das Geld aus der Geldboerse verschwinden laesst. Die Karten schickt man als Kind/Jugendlicher an Familie, Verwandte, Freunde, etc., oder als Erwachsener ebenfalls an Familie, aber auch an Arbeitskollegen bzw. einfach Personen, mit denen man nicht unbedingt befreundet ist, aber des oefteren etwas zu tun hat. Wenn jedoch in diesem Jahr jemand gestorben ist (Okaasans Vater und Otousans Vater sind beide dieses Jahr gestorben), dann schickt man normalerweise bereits im November eine, ich nenn es mal "Trauerkarte", an all die, denen man auch eine Neujahrskarte schicken wuerde, um ihnen mitzuteilen, dass ein Familienmitglied gestorben ist und man deshalb keine Neujahrskarte geschickt bekommen will/kann, wie auch immer. Ja, sehr kompliziert. Das Porto belaeuft sich auf 50 Yen, gut 30 Cent. Klingt wenig, aber wenn man wie Otousan ein wenig bekannter ist, muss man dann einfach mal 200 Karten abschicken, was zwangslaeufig zu Ebbe in dem Portmonnaie fuehrt! Okaasan schickte stolze 78 "Trauerkarten" ab. Meine Neujahrskarten, denn soweit ich weiss ist aus meiner Familie keiner gestorben, werde ich wie gewoehnlich erst im Dezember zur Post bringen, 25 an der Zahl, damit sie genau am Neujahrstag ankommen. Doch nun zurueck zu dem Schminken.
Das naechste Jahr ist das Jahr des Tigers, also werden die meisten Neujahrskarten mit Tigern dekoriert sein, bzw, oft werden bereits mit dem jeweiligen Jahressymbol bedruckte Karten gekauft. Da ich "nur" 25 zu schreiben habe und es mir zu teuer ist, bedruckte zu kaufen, dachte ich mir: "Dann mach ichs einfach selbst!" Also liess ich mich von Ohana als Tiger schminken, schoss noch ganz viele Fotos und habe anschliessend das beste rausgesucht. Nachdem der grosse Japanisch-Test (Japanese Language Proficiency Test = JLPT) naechste Woch vorbei ist, werde ich mich um die Karten kuemmern und sie sogar entgegen dem Trend, denn der liegt neuerdings bei der faulen Variante alias Drucker, mit Pinsel und Tinte kalligrafisch per Hand beschreiben, ob das schoen aussieht, ist natuerlich wieder eine andere Sache. Das Tigerbild kommt dann mitten auf die Karte und dann hoffe ich einfach, meinen Freunden eine kleine Freunde gemacht zu haben. Sobald ich die Karten fertig habe, probiere ich natuerlich hier ein schoenes Modell hochzuladen, doch bis dahin dauert es noch ein wenig.
Naechste Woche steht wie bereits erwaehnt der JLPT an, der Test, fuer den ich seit Anfang meines Austauschs jeden Tag lerne. Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr zuversichtlich, den Nikyu (Zweiter Level) zu schaffen, aber ein Versuch ist es immerhin wert!
Nun noch etwas lustiges zur Japanischen Sprache. In Japan hoert man des oefteren das Wort "Uso". Wenn du das einfach mal aussprichst, dann klingt das wie ein gewoehnlicher Ausdruck, der Erstaunen ausdrueckt. Das dachte ich zumindest, als ich das Wort anfangs immer gehoert habe. Meistens sagen die Japaner naemlich nicht einfach "Uso." sondern eher "Uso!!!!!!!!!". Vor einigen Monaten habe ich herausgefunden, dass man dieses Wort sogar uebersetzen kann: Luege. Wenn man einem Japaner, den man nicht gerade zum ersten Mal trifft, irgendwas erzaehlt, was auf dem ersten Blick unrealistisch scheint, dann sagt er erstmal "Luege!". Da gibt es natuerlich auch Varianten, wie "Das ist gelogen, oder?" oder einfach nur ein banales "Du Luegner.". Lustigerweise kommt das ganze aber auch in hoeflichen Konversationen vor, zb. zwischen Schueler und Lehrer: "Haben sie gelogen?" - so in der Art. Gestern Abend, Otousan war von der Arbeit sehr erschoepft und wir schauten ein wenig Fernsehen, meinte er: "Die Show geht heute bis um 11." Worauf ich erwiderte: "Kein Problem, ich hab morgen frei." Und Voila, Otousans Antwort, mit einem einmaligen Blick: "Luege." Vermutlich sehen es die Japaner nicht als das Wort "Luege" in dem Sinne, aber fuer einen Nicht-Japaner ist es doch sehr interessant, das ganze mal in die eigene Sprache zu uebersetzen, oder?
Das wars schon wieder, diesmal mit einem kleinen Einblick in die japanische Sprachkultur!
Dein Jonathan

Donnerstag, 5. November 2009

Okinawa

Am Dienstag kam ich von meiner wahrscheinlich letzten Reise mit Okaasan und Otousan zurueck. Das Ziel war diesmal etwas aussergewoehnlicher: Okinawa.

Okinawa ist die suedlichste Praefektur Japans, gehoerte anfangs zu Japan, galt aber immer als ein selbststaendiges Koenigreich. Durch seine Unabhaengigkeit besitzt es auch eine andere Sprache, auch wenn junge Leute immer mehr zu Japanisch neigen und jeder Einwohner Japanisch sprechen kann. Trotzdem fand ich an allen Ecken und Enden Woerter, die definitv nicht aus dem japanischen Wortschatz stammen. Zu Kriegszeiten wurde es von den Amerikanern besetzt, die es, obwohl es seit geraumer Zeit schonwieder Japan angehoert, immernoch als militaerische Basis nutzen. Okinawa ist prinzipiell sehr warm, wenn nicht sogar heiss, fuer mich hiess es also: von der kaeltesten, in die waermste Praefektur! Zuerst einmal der Grund fuer diese aussergewoehnliche Reise.
Meine Gasteltern fragten mich, wo ich denn gerne in Japan hinfliegen wuerde, denn offensichtlich schenken sie jedem Austauschschueler eine (oder zwei?) Reise. Da ich durch die Klassenfahrt schon in vielen wichtigen Staedten Honshus war, war die Hauptinsel fuer mich eher weniger interessant, auch wenn ich sehr gerne nochmal nach Kyoto fahren wuerde. Als ich dann Okinawa als mein Wunschziel nannte, waren sie sehr ueberrascht. Okaasan und Otousan waren selbst noch nicht da und es scheint generell kein gewoehnliches Reiseziel, zumindest fuer junge Leute, zu sein, vermutlich weil es relativ weit entfernt ist. Nach kleinen Komplikationen bei der Ticketbuchung, wir sind zur Klassenfahrt-Saison gefahren, haben wir mit viel Glueck dann doch noch ein paar Tickets erwischt. Auf der Hinreise machten wir einen Zwischenstop auf dem Flughafen von Nagoya, der fast eine eigene Stadt fuer sich ist! Dort hiess es natuerlich viel essen und fuer mich, weiterhin viel Geschenke kaufen.

In Okinawa begruessten uns am Flughafen erstmal unzaehlige Orchideen, die scheinen bei dem Klima dort prima zu wachsen. Beim ersten Schritt ins Freie sind wir buchstaeblich gegen eine 27 Grad heisse Wand aus unglaublich schwueler Luft gelaufen. Spater stellte sich heraus, dass es selbst fuer Einwohner Okinawas sehr schwuel gewesen war. Am ersten Tag, wir hatten nicht allzu viel Zeit, fuhren wir mit einem Mietwagen zu einem grossen Fischmarkt, auf dem unter anderem Fische mit glaenzender, azurblauer Haut angeboten wurdem, ob sie schmecken, ist natuerlich wieder eine andere Frage. Da Okinawa keine oeffentlichen Verkehrsmittel ausser dem Bus besitzt, kommt man als Tourist eigentlich kaum drum rum, sich ein Auto zu leihen.

Der zweite Tag, ein Sonntag, begann mit einer fruehen Reise zum Shuri-Schloss, mitten in der Hauptstadt Okinawas, Naha. In der Architektur befinden sich fast zu gleich vielen Teilen die Einfluesse Japans, aber auch Chinas. Leider wurde es gerade restauriert, als wir da waren, wir konnten somit nur die Haelfte des eigentlichen Schlosses sehen.
Okinawa ist natuerlich auch fuer diverse Eigenheiten beruehmt. Da waeren zum einen: der Shisa. Ein Shisa ist ein hundsaehnliches Wesen, was vor vielen vielen Jahren aus Afrika ueberliefert wurde. Genauer genommen, waren es die Chinesen, die den Loewen als Figur uebernommen haben und der sich bis zu seiner Ankunft in Okinawa durch die vielen kulturellen Einfluesse nicht nur in Form, sondern auch in Bedeutung veraendert hat. Traditionell werden immer zwei Shisas, Maennchen und Weibchen, auf dem Dach angebracht, um unter anderem das Haus vor boesen Geistern zu schuetzen und je nachdem, in welche Himmelsrichtung sie geneigt sind, das Haus vor Feuer oder Stuermen zu bewahren. Shisa-Figuren konnte ich wirklich an jeder Ecke kaufen, was den Preis leider nicht mindert. Das angefuegte Bild zeigt eine der modernsten Varianten des Shisas: Eine weitere Beruehmtheit ist ein etwas aussergewoehnlicheres Gemuese: die Kartoffel. Doch das ist nicht irgendeine Kartoffel, nein, diese Kartoffel, ist lila. Du koennstest vermuten, dass dort irgendwelche Farbstoffe reingemischt wurden, aber da muss ich dich enttaeuschen. Diese Kartoffel hat von Natur aus ein so saftiges Lila, da wuerde ich glatt denken, die sei vergiftet. Natuerlich ist sowohl Farbe als auch Geschmack, ist echt verdammt lecker, eine gute Voraussetzung, sie in diversen Suessigkeiten zu vermarkten. Wie so eine Suessigkeit aussieht, will ich dir natuerlich nicht vorenthalten (einfach raufklicken):






Auf dem linken Bild kannst du ein sehr beruehmtes Mitbringsel sehen und auf dem rechten ein paar andere, verboten leckere Suessigkeiten. Das dunkle Lila ist die natuerliche Farbe der Kartoffel.

Waehrend unserem Aufenthalt trank ich unentwegt ein sehr populaeres Getraenk, was geschmacklich an Capirinha erinnert, bloss ohne Alkohol. Das Zeug nennt sich Shiikuwasha und wird aus Mini-Mandarinen gemacht. Oft konnte ich Getraenkeautomaten sehen, in denen Shiikuwasha ganze Reihen gefuellt hat.
Sonntag bis zu unserem letzten Tag, Dienstag, verbrachten wir in einem anderen Hotel, einem Resort, genauer gesagt. Das Wetter wurde zunehmends schlechter, es war extrem windig und "nur" noch 22 Grad. Den Spass liessen wir uns dadurch nicht verderben und machten bei hohen Wellen noch eine huebsche Bootsfahrt. Den Abend schlossen wir meistens durch ein Bad in einem der vielen Pools oder der heissen Quelle des Resorts ab.Lustigerweise, war eigentlich gar nicht so lustig, ist bei einem Pool-Gang Wasser in meinem Ohr, aehm, stecken geblieben?! Jedenfalls konnte ich am naechsten Tag nur noch die Haelfte hoeren und wir mussten beim Ohrenarzt erstmal eine Ohrenreinigung machen lassen.
Am Montag fuhren wir in das okinawische Aquarium, dessen Hauptattraktion ein riesiger Tank ist, der u.a. drei gigantische Walhaie beinhaltet. Anschliessend fuhren wir noch zu einer leckeren Ananasfarm und hatten somit die meisten Sehenswuerdigkeiten abgeklappert. Okinawa ist zwar ziemlich gross, aber fast der gesamte noerdliche Teil wird als amerikanische Militaerbasis genutzt, nichts, was man sich anschauen muesste. Die Reise war sehr schoen und diesmal durfte ich eine komplett andere Seite Japans kennenlernen!

Was gibt es sonst so? Vor ca. zwei Wochen hat der Chor meiner Schule, als erster Chor von allen Oberschulen Hokkaidos, den All-Japan-Contest gewonnen! Damit schafften sie es sogar aufs Titelblatt der groessten lokalen Zeitung, ueber den Bericht vom Baseball! Das stimmt auch mich natuerlich unglaublich gluecklich, weil sie es echt verdient haben. Ausserdem haben vor wenigen Tagen Schueler des hoeheren Jahrgangs, den All-Hokkaido-Contest in einer Kategorie gewonnen, die ich schonwieder vergessen habe, gehen aber mit guten Chancen zu dem All-Japan-Contest. Das war es mal wieder aus dem kalten, kalten Hokkaido,
Dein Jonathan