Vor wenigen Wochen hatte ich mich mit Nathalie bei der AFS-Bezirksleiterin (Fr. Baba) getroffen, um Brot zu backen. Zopf, um genauer zu sein. Als Rezept haben wir das naechstbeste aus dem Internet genommen und Zutaten, die es hier nicht gibt, durch irgendwas anderes ergaenzt. Da sie anscheinend genau so wenig Brot backen kann wie ich, war das Brot zwar ziemlich lecker, aber von Zopf keine Spur. Trotzdem ist es bei allen gut angekommen. Auf Grund grosser Nachfrage von Klassenkameraden meiner Schule und derer Nathalies, entschieden wir uns, letzte Woche einfach nochmal zu backen, diesmal nicht nur Brot, sondern auch Kekse! Dan und Ohana wollten ebenfalls mitbacken und wir mieteten uns eine grosse Kueche, liessen uns die Zutaten kaufen und dann ging es letzten Sonntag auch schon los.
Da wir ein Zeitlimit hatten, entschieden wir uns, alles separat zu backen, ich war fuer den Zopf und Nathalie fuer das Gebaeck zustaendig, die anderen beiden haben immer hier und da ausgeholfen. Alles in allem verwendete ich die selben Zutaten wie vom letzten "Zopf", nur dass ich diesmal noch etwas Maccha hinzufuegte. Maccha ist eigentlich ein saftig gruener Tee, der recht bitter schmeckt und auch nicht gerade wenig kostet. Zum einen gibt es Maccha als Tee, zum anderen auch als Pulver, welches man z.B. in Lebensmittel macht, um sie mit diesem wunderbaren Gruen zu faerben oder ihnen tatsaechlich den Maccha-Geschmack zu verleihen. Maccha in Lebensmitteln (meist in Suessigkeiten) schmeckt nochmal ganz anders, als der Tee und im Gegensatz zu Anko, der roten Bohnenpaste, moegen die meisten Japaner Maccha.
Mit dem Maccha habe ich nicht gespart (uebrigens kosten 40 Gramm von diesem Pulver gut sieben Euro, wenns eine sehr billige Variante ist), denn schliesslich wollte ich das Brot nicht nur faerben, sondern auch nach Maccha schmecken lassen. Mit der Hilfe Ohanas, die anscheinend schon des oefteren Brot gebacken hat, hatte ich dann auch einen wunderbaren Teig, der sich gut weiterverarbeiten liess. Nathalie kam auch sehr gut vorran und wir hatten generell viel Spass und viel gute Musik!
Unter leichtem Zeitdruck konnte ich dann endlich meinen Zopf, nunja, eigentlich waren es nur noch Broetchen, die ich aus dem Zopfteig geformt habe, in den Ofen schieben. Die sind dann auch schoen gross gewo
rden und nach einigen Minuten backens, nahm ich natuerlich eine Kostprobe. Hm. Schmeckt wie ein normales Broetchen. Ich glaube, ich hatte einfach zu viel Mehl reingemacht. Nathalie meinte, es schmeckt nach Maccha, ebenso die anderen (spaeter meinten das Okaasan und Otousan auch, anscheinend waren meine Geschmacksnerven an dem Tag stimuliert). Lecker waren sie allemal und nachdem ich den anderen drei je noch vier von den 16 Broetchen geschenkt hatte, mussten Nathalie und Dan auch schon weg. Vorher haben wir noch Nathalies Kekse ein bisschen genascht, wirklich sehr leckere Exemplare. Ohana und ich blieben noch eine Weile, denn sie musste mich fuer die Neujahrskarten schminken!
Bei den Neujahrskarten handelt es sich um die sogenannten Nengajo, eine alte japanische Tradition, die wie die meisten anderen japanischen Traditionen, einfach das Geld aus der Geldboerse verschwinden laesst. Die Karten schickt man als Kind/Jugendlicher an Familie, Verwandte, Freunde, etc., oder als Erwachsener ebenfalls an Familie, aber auch an Arbeitskollegen bzw. einfach Personen, mit denen man nicht unbedingt befreundet ist, aber des oefteren etwas zu tun hat. Wenn jedoch in diesem Jahr jemand gestorben ist (Okaasans Vater und Otousans Vater sind beide dieses Jahr gestorben), dann schickt man normalerweise bereits im November eine, ich nenn es mal "Trauerkarte", an all die, denen man auch eine Neujahrskarte schicken wuerde, um ihnen mitzuteilen, dass ein Familienmitglied gestorben ist und man deshalb keine Neujahrskarte geschickt bekommen will/kann, wie auch immer. Ja, sehr kompliziert. Das Porto belaeuft sich auf 50 Yen, gut 30 Cent. Klingt wenig, aber wenn man wie Otousan ein wenig bekannter ist, muss man dann einfach mal 200 Karten abschicken, was zwangslaeufig zu Ebbe in dem Portmonn
aie fuehrt! Okaasan schickte stolze 78 "Trauerkarten" ab. Meine Neujahrskarten, denn soweit ich weiss ist aus meiner Familie keiner gestorben, werde ich wie gewoehnlich erst im Dezember zur Post bringen, 25 an der Zahl, damit sie genau am Neujahrstag ankommen. Doch nun zurueck zu dem Schminken.
Das naechste Jahr ist das Jahr des Tigers, also werden die meisten Neujahrskarten mit Tigern dekoriert sein, bzw, oft werden bereits mit dem jeweiligen Jahressymbol bedruckte Karten gekauft. Da ich "nur" 25 zu schreiben habe und es mir zu teuer ist, bedruckte zu kaufen, dachte ich mir: "Dann mach ichs einfach selbst!" Also liess ich mich von Ohana als Tiger schminken, schoss noch ganz viele Fotos und habe anschliessend das beste rausgesucht. Nachdem der grosse Japanisch-Test (Japanese Language Proficiency Test = JLPT) naechste Woch vorbei ist, werde ich mich um die Karten kuemmern und sie sogar entgegen dem Trend, denn der liegt neuerdings bei der faulen Variante alias Drucker, mit Pinsel und Tinte kalligrafisch per Hand beschreiben, ob das schoen aussieht, ist natuerlich wieder eine andere Sache. Das Tigerbild kommt dann mitten auf die Karte und dann hoffe ich einfach, meinen Freunden eine kleine Freunde gemacht zu haben. Sobald ich die Karten fertig habe, probiere ich natuerlich hier ein schoenes Modell hochzuladen, doch bis dahin dauert es noch ein wenig.
Naechste Woche steht wie bereits erwaehnt der JLPT an, der Test, fuer den ich seit Anfang meines Austauschs jeden Tag lerne. Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr zuversichtlich, den Nikyu (Zweiter Level) zu schaffen, aber ein Versuch ist es immerhin wert!
Nun noch etwas lustiges zur Japanischen Sprache. In Japan hoert man des oefteren das Wort "Uso". Wenn du das einfach mal aussprichst, dann klingt das wie ein gewoehnlicher Ausdruck, der Erstaunen ausdrueckt. Das dachte ich zumindest, als ich das Wort anfangs immer gehoert habe. Meistens sagen die Japaner naemlich nicht einfach "Uso." sondern eher "Uso!!!!!!!!!". Vor einigen Monaten habe ich herausgefunden, dass man dieses Wort sogar uebersetzen kann: Luege. Wenn man einem Japaner, den man nicht gerade zum ersten Mal trifft, irgendwas erzaehlt, was auf dem ersten Blick unrealistisch scheint, dann sagt er erstmal "Luege!". Da gibt es natuerlich auch Varianten, wie "Das ist gelogen, oder?" oder einfach nur ein banales "Du Luegner.". Lustigerweise kommt das ganze aber auch in hoeflichen Konversationen vor, zb. zwischen Schueler und Lehrer: "Haben sie gelogen?" - so in der Art. Gestern Abend, Otousan war von der Arbeit sehr erschoepft und wir schauten ein wenig Fernsehen, meinte er: "Die Show geht heute bis um 11." Worauf ich erwiderte: "Kein Problem, ich hab morgen frei." Und Voila, Otousans Antwort, mit einem einmaligen Blick: "Luege." Vermutlich sehen es die Japaner nicht als das Wort "Luege" in dem Sinne, aber fuer einen Nicht-Japaner ist es doch sehr interessant, das ganze mal in die eigene Sprache zu uebersetzen, oder?
Das wars schon wieder, diesmal mit einem kleinen Einblick in die japanische Sprachkultur!
Dein Jonathan