Dienstag, 9. Juni 2009

Marathon

Tadaaaaa! Auch ich darf mich nun zu den konditionsstarken Laeufern eines Halbmarathons zaehlen! Am Sonntag war es endlich soweit, doch ich fange mit dem Samstag an, der auch interessante Sachen bot.

In aller Fruehe machten wir uns von Obihiro aus per Auto auf den Weg Richtung Chitose, wo am naechsten Tage der Marathon stattfinden wurde. Ich genoss die ca. dreistuendige Autofahrt mit der vollen Droehnung Musik und schaute mir nebenbei die doch recht sehenswerte Landschaft Hokkaidos an. Groesstenteils scheint hier alles von Mischwaeldern durchwuchert zu sein, trotzdem sah ich auch viele Taeler mit kleinen Fluessen oder Seen. Nachdem wir durch Sonne, Regen und Nebel gefahren sind, erreichten wir unsere erste Station in Chitose: eine grosse Verkaufshalle fuer Sachen aller Art. Wir hatten nur einen Laden als Ziel, natuerlich den Asics Laden. Die Auswahl war nicht sonderlich gross, dafuer aber alles reduziert. Nach einer guten halben Stunde habe ich mit einer neuen Sporthose, einem Sportshirt und einem Marathonshirt den netten Laden wieder verlassen.
Anschliessend fuhren wir zu unserem Hotel. Wir teilten uns zu dritt ein Zimmer, aber da das eh nur fuer eine Nacht war, war das insofern OK. Kaum hatten wir unser Gepaeck abgestellt, fuhren wir auch schon wieder weiter, diesmal mit der Bahn. 20 Minuten hat es gedauert, bis wir Sapporo erreichten. In Sapporo war unser erstes Ziel die Hokudai, also die oertliche Universitaet, welche als die beste Universitaet Hokkaidos gilt. An diesem Tag fand dort ein internationales Essensfestival statt, was aber ehrlich gesagt nicht sehr interessant war. Nach einer Stunde verliessen wir den Campus und schauten uns noch einige wenige Sehenswuerdigkeiten an, denn unsere Zeit war begrenzt. Anschliessend gingen wir noch chinesisch essen, in einem Restaurant, was einer bekannten von Otousan und Okaasan gehoert. Der kleine Trip in Sapporo war relativ schnell vorbei und ich habe nicht besonders viel von der Stadt an sich gesehen.
In unserem Hotel fielen alle in einen tiefen Schlaf.....bis auf mir. Warum? Ganz einfach, Otousan hat die ganze Nacht ueber geschnarcht! Alles in allem habe ich in der Nacht vielleicht fuenf Stunden geschlafen, was sich aber nicht auf den Marathon ausgewirkt hat.
Das Fruehstueck nahmen wir relativ frueh ein und ich beschloss, ein bisschen weniger zu essen. Nach einer zweistuendigen Wartezeit, in der bis zum Rande gefuellten Anmeldehalle, hiess es endlich, den Start aufzusuchen. Natuerlich standen bereits ca. 2000 Menschen vor mir am Start, aber ich hab mich dreisterweise einfach vorgedraengelt, bis nurnoch 1500 Leute vor mir standen. Dann ertoente auch schon der Startschuss und mein Schicksal war besiegelt. Ich zog das Schwert aus dem Stein und....nein, falscher Film. Genauer genommen rannte ich auch los, ueberholte nochmal ca. 500 Leute und konnte dann irgendwann ein konstantes Tempo annehmen. Hier meine Gedanken waehrend des Marathons:

1km: "Wow, schon ein Kilometer. Wenn das weiter so geht, bin ich echt schnell fertig."
2km: "Was? Jetzt erst der zweite Kilometer? Verdammt!"
3km: "Seitenstechen, nicht gut. Trotzdem weiterrennen, anhalten macht alles nur noch schlimmer."
9km: "Huch was ist nun? Ich fuehle mich, als ob ich fliege. Ich bin auf einmal so schnell!"
10km: "Ach Mist, ich bin einen Berg runtergelaufen, deshalb so schnell."
11km: "Schon ueber die Haelfte geschafft, laeuft ja noch ganz gut."
18km: "Kopf an Beine, Kopf an Beine. Lebt ihr noch? Ich spuere euch nicht mehr. Mein Tempo hat sich drastisch verringert. Und wieder rennt jemand an mir vorbei."
19km: "Moment, ist das vor mir Mann oder Frau? Den Haaren zu urteilen eine Frau, den Beinmuskeln her.... ein klarer Mann. Hat sie da ueberhaupt noch Fett? Das sieht ja regelrecht gruselig aus."
21km: "Juhu, noch 195 Meter!"
Ziel: "Hungeeeeeeeeeer!"

Nun, das ist ziemlich genau, was in meinem Kopf waehrend des Marathons vorging. Es gab auf der Strecke vier kleine Staende, an denen man sich Energydrinks reinpfeifen konnte, die bei mir aber meistens im Gesicht und nicht im Mund landeten (nicht mit Absicht). Meine Zeit ist 1 Stunde, 50 Minuten und 10 Sekunden, ein Ergebnis, mit dem ich fuer meinen ersten Marathon sehr zufrieden sein kann! In der Altersgruppe "Oberschueler bis 34-Jaehrige, Maenner" bin ich 226. von 750! Jedenfalls bin ich sehr froh, den Marathon ueberstanden zu haben, hat er mir doch auch einen bestialischen Muskelkater in den Oberschenkeln und im Po beschert. Diese Woche nehmen wir am Wochenende an einem 10km-Rennen teil, Wunschzeit: 40 Minuten.

Sonst sind hier gerade alle Klausuren, was der Grund ist, warum ich keinen Volleyballklub habe, was mich dem (psychischem) Tod sehr nahe bringt. Die Klausuren muss ich natuerlich mitschreiben. Normalerweise schreibe ich nichts und lese ein Buch oder lerne Kanji. Wenn es Ankreuzfragen gibt, kreuze ich natuerlich wie wild an. Den Englischtest duerfte ich vielleicht mit mehr als 90 Prozent bestanden haben. Morgen sind endlich die letzten Klausuren und am Freitag wieder Volleyball!

Dein hungriger Jonathan

Freitag, 5. Juni 2009

Der Abend des Geburtstages

Weil ich dir einfach erzaehlen muss, wie mein gestriger Abend noch war, erneut ein Eintrag!

Am Abend lief vorerst alles wie gewohnt, Okaasan bereitete das Essen vor und Otousan kam gegen 19 Uhr, seine Laune schien sich nicht gebessert zu haben. Zum Essen gab es Buta-Shabu, gab es hier bereits das dritte Mal, ist aber auch seeehr lecker. Nachdem der Tisch gedeckt war ist Okaasan nochmal in ihr Zimmer gegangen und Otousan hat das Licht ausgemacht. Danach stellte er sich in den Tuerrahmen. Nun, ich musste nicht lange ueberlegen, was jetzt wohl kommen wuerde und sah auch schon die ersten Lichter der Kerzen an den dunklen Waendern flattern. Auf einmal stand Okaasan mit einem Toertchen und Otousan mit Dingen, die ich bis dahin nicht identifizieren konnte, da. Nach kurzem Anzaehlen sangen die beiden "Happy Birthday" und uebergaben mir freudestrahlend meine Geschenke. Otousans Laune war schlagartig super. Die Mini-Torte ist von meinem Lieblingsladen, ich habe bereits ein Bild gemacht und werde naechste Woche neue Fotos hochladen. Das erste Geschenk ist in einer sehr harten, aber kleinen Schatulle aufgehoben. Als ich es geoeffnet hatte, wusste ich eine kurze Zeit lang immernoch nicht, was es ist. Doch nach genauerer Betrachtung blieb mir buchstaeblich "die Spucke weg". Viele Japaner haben fuer offizielle Zwecke einen Stempel, ein Kreis oder ein Quadrat, in welchem die Kanji des Besitzers oder die der Firma eingraviert sind. Da ich von diesen Stempeln schon immer begeistert war, fragte ich Okaasan im April, wie viel so ein Teil denn kostet. Wie erwartet sind sie sehr teuer, weshalb ich mir die Idee mit dem Kauf gleich aus dem Kopf schlug. Doch siehe da, als Okaasan und Otousan in China waren, haben sie ihn dort in einem Laden anfertigen lassen und jetzt habe ich meinen eigenen Stempel! Ich haette eher mit dem Besuch eines deutschen Freundes gerechnet als mit diesem wunderbaren Stempel! Auch dazu natuerlich Bilder. Mein zweites Geschenk war eine Urkunde oder besser gesagt, ein Gutschein. Als erstes sprang mir das Zenmai Zamurai-Bild ins Gesicht, danach der nette japanische Text, den ich leider nicht verstanden habe. Die Worte, die ich verstanden habe, reichen zum Glueck, um die ganze Bedeutung zu erraten: "Yukata-Sommer-schenken". Ich bezeichne den Yukata jetzt mal als den Kimono fuer Maenner, zwar sieht er laengst nicht so prachtvoll aus, ist aber trotzdem sehr schoen. Ein weiteres Geschenk mit dem ich absolut nicht gerechnet habe. Die Torte haben wir gestern nicht gegessen, weil ich schon so viel Suessigkeiten gegessen hatte, dass einfach nichts mehr reinpasste. Okaasan und Otousan haben mir also meinen Abend nochmal echt verzaubert!

Jetzt kuemmer ich mich um die Beantwortung der ganzen Glueckwuensche.

Dein Jonathan

Donnerstag, 4. Juni 2009

Geburtstag

Endlich ist es soweit, ich habe ein weiteres unwichtiges Lebensalter erreicht (Was bedeutet schon die 17?), aber werde von nun an steil auf die 18 zugehen. Da in japanischen Schulen der Geburtstag eigentlich kaum von Bedeutung ist, bin ich auch nicht mit allzu grossen Erwartungen zur Schule gefahren. Keisuke hatte mir bereits gesagt, dass er mir was schenken wird, worauf ich natuelich sehr gespannt war. Doch ich fang erstmal von vorne an.

Wie jeden morgen trotzte ich in das Wohnzimmer um den Tisch zu decken und wie jeden morgen stand Otousan in der Kueche und bereitete das Fruehstueck vor. Seinem alltaeglichen "Ohayo" fuegte er noch ein schwaches "Otanjobi omedetto" (Alles Gute zum Geburtstag) hinzu. Das wars auch schon. Hat mich ehrlich gesagt schon ein bisschen enttaeuscht, aber so ist das hier nunmal. Als erstes machte ich mich ueber das Paket her, welches ich aus Deutschland geschickt bekommen habe. Da ich mir nicht wirklich irgendwas gewuenscht habe, sondern einfach nur Sachen habe schicken lassen, die bei mir noch rumlagen, auch in dem Paket keine Ueberraschungen. Was drin war? Nun, alte deutsche Buecher, die eigentlich kein Mensch lesen will, aber trotzdem sehr beruehmt sind (Bestes Beispiel "Homo Faber" von Max Frisch. Das war gluecklicherweise nicht im Paket drin.), der Schokoladenkalender den mir Prof.Dr.Jonas von Komoss zu Weihnachten geschenkt hat (jeden Monat ein neues Taefelchen), eine kurze Jeans und meine lang ersehnten Bilder von Finn und Hanna. Waehrend ich am Ausweiden des Paketes war, kam auch Okaasan ins Zimmer und beglueckwuenschte mich schon etwas intensiver als Otousan. Der Morgen verlief eigentlich wie immer sehr routiniert.
Genau so wie das Treffen mit Nathalie jeden Morgen. Sie fragte mich, ob ich heute Zeit haette. Ich verneinte und sagte, dass ich eventuell mit Okaasan und Otousan zusammen essen gehen werde. Ploetzlich fiel ihr dann auch ein, dass ich ja heute Geburtstag habe. Nathalie beglueckwuenschte mich so, wie ich es aus Deutschland gewoehnt bin, mal abgesehen von der Umarmung, aber die geht auf dem Fahrrad schlecht. Unser Gespraechsthema war hauptseachlich , ja - mein Geburtstag.
Bis heute Mittag wussten nur drei Leute, dass ich Geburtstag habe. Nari wollte mir etwas schenken, aber ich konnte sie ueberreden, das nicht zu tun. Remi hatte mir um 0:00 Uhr eine Geburtstagsmail geschickt. Die dritte Person ist eine der Frauen, die das Brot in der Schule verkaufen. Da ich in meiner Freizeit dort immer kurz vor Stundenende hingehe, Brot kaufe und noch 'n bisschen quatsche, verstehe ich mich mit ihr recht gut. Sie hatte mir per Mail (SMS sind hier nur Mails) geschrieben, dass ich doch bitte heute zum Verkaufsstand kommen soll. Gesagt, getan - die beiden Verkaufsdamen schenkten mir mein Lieblingsbrot und einen Vanille-Muffin!
Natuerlich bekam ich dann auch von Keisuke mein Geschenk. Es ist ein Anhaenger fuers Handy (davon hat jeder mindestens zwei am Handy) und was steht drauf: "Volleyball-Star" (natuerlich auf Japanisch), sieht voll toll aus und ist eine echt tolle Idee von ihm! Ich haette ihn ja am liebsten umarmt, aber wie bereits bekannt, waere ich dann vermutlich mit den japanischen Gewohnheiten in Konflikt geraten.
Fujisaki ist am Anfang der Mittagspause sofort losgesprintet, wie ein paar andere Jungs meiner Klasse, natuerlich Richtung Brotverkaufsstand. Wahrend ich noch mit meinem super-supertollen Altjapanisch-Lehrer quatschte, kam Fujisaki und hat mir mein Lieblingsbrot hingestellt! Dem Lehrer erzaehlte er auch gleich, dass ich Geburtstag habe, welcher mich daraufhin ueberschwenglich beglueckwuenschte.
Waehrend der Mittagspause bin ich mit relativ teuren Keksen in der Schule rumgegangen und habe jedem aus meinem Volleyball-Klub einen gegeben. Yoshiaki hat mir daraufhin ein Kartoffelbaellchen aus seinem Obento per Staebchen in den Mund gesteckt. Auf der Suche nach dem Captain, welcher im hoeheren Jahrgang ist, begegnete ich Maedchen aus dem Volleyballteam, natuerlich auch hoeherer Jahrgang, mit denen ich mich aber gut verstehe. Auch wenn die Kekse rar waren, drueckte ich welche an sie ab und erntete nach diversen Erklaerungen geschaetzte zweitausend Glueckwuensche. Die Idee mit den Keksen kam also gut an.
Als Abschluss bin ich mit Nathalie nach Hause gefahren und wie konnte es anders sein, ja sie hatte auch noch ein Geschenk fuer mich. Aber es war nicht irgendwas nein, es war eine Lindt Lindor Schokoladentafel, im teuersten Kaufhaus hier gekauft (Preis ca. 3 Euro). Da sie heute frueher Schluss hatte, ist sie extra zu dem Kaufhaus gefahren und hat die Tafel gekauft. Auf dem Rueckweg musste ich ihr natuerlich alles vom heutigen Tag erzaehlen, aber normalerweise laber ich sowieso immer vor mich hin und sie hoert zu (glaube ich zumindest). Das war mein Tag bisher!

Auf einem Bild habe ich gesehen, dass Okaasan meiner Vorgaengerin zum Geburtstag eine Schokoladentorte gemacht hatte, ich hoffe natuerlich auch auf ein leckeres Toertchen.

Dein (aetsch, juenger als du) Jonathan