Am Mittwoch hatte ich das AFS-Meeting. Alle anderen (Ausser das Maedchen aus Thailand, das kam nicht.) hatten ihre Gasteltern oder ihren LP dabei, ich kam alleine. Die ganze Zeit wurde sich auf Japanisch unterhalten, gluecklicherweise war ich nicht der einzige, der nichts verstand. Im Groben ging es darum, dass wir uns in der City Hall anmelden muessen, mit einem Formular was netterweise "Alien Registration Formular" genannt wird. Wir AFSer sind dann mit einer Japanerin dahin gegangen und haben gewartet, waehrend sich der Amerikaner registriert hat. Ich habe mich gestern mit Otousan registriert. Anschliessend hat uns die nette Japanerin noch auf Fanta und Pommes zu McDonalds eingeladen! Man glaubt es kaum, aber es schmeckt genau wie bei uns in Deutschland.
Nun zum Hauptteil dieses Eintrags. Am Donnerstag, also gestern, waren wir auf der Beerdigung von Okaasans Vater. Am Anfang war ich eher skeptisch, aber Otousan und Okaasan meinten, dass ich Glueck habe, weil nur sehr sehr wenige Austauschschueler eine Chance haben, so etwas zu sehen. Im Nachhinein konnte ich mich wirklich freuen, denn es war ein Erlebnis der anderen Art, von der ich dir nun etwas erzaehlen werde. Wahrscheinlich werde ich diverse Sachen nicht erwaehnen, das liegt aber daran, dass es viele neue Eindruecke auf
Am Tempel angekommen trafen wir erstmal Okaasans Bruder. Der aeltere Bruder eines anderen heisst auf Japanisch Oniisan. So sollte ich ihn auch nennen. Wir sind dann in einen japanischen Tempel gegangen, einer von diesen Tempeln, die man von den ganzen Bildern kennt und die einen geschwungenen Dachrand haben. Drinnen muss man erstmal die Schuhe ausziehen. Der Tempel war zwar beheizt, der Boden war trotzdem eiskalt. Es herrschte eine allgemein froehliche Stimmung, von Trauer keine Spur. Ich trank mit anderen Familienmitgliedern Tee und versuchte deren Japanisch zu verstehen. Alle ausser mir und zwei kleinen Kindern trugen schwarze Anzuege. Kaum betrat ich den grossen Raum, bot sich mir auch schon die volle Pracht einer buddhistischen Bestattung. Jedenfalls sah ich erstmal einen riesigen Altar, der nur in Schwarz und Gold koloriert war. Von der Decke hing aufwendiger Schmuck, der an riesige goldene Kronleuchter ohne Lampen erinnert. Der Altar besteht aus zwei Teilen. Der vordere Teil ist ein wenig kleiner, der hintere ist relativ gross und auf ihm befindet sich eine goldene Statue Buddhas. Der kleinere Teil ist ausserdem mit goldenen Blumen und aehnlichen Dingen beschmueckt, die sich um ein Bild des Verstorbenen ranken. Links vom Altar befinden sich vier (wegen Ermangelung eines besseren Ausdrucks) "Trommeln", auf die Otousan, der keiner Religion angehoert, fuer mich ganz leise getrommelt hat. Das schien aber keinen zu stoeren. Wenn sich alle Anwesenden platziert haben, erscheint der Priester und fragt wahrscheinlich so etwas wie "Koennen wir beginnen?". Der Priester hat sehr kurze Haare, eine Brille (die kaum von Relevanz sein sollte), traegt ein langes lilanes Gewand und etwas wie eine kleine goldene Decke. Auch hier muss ich wegen mangelnder Bildung bezueglich buddhistischen Braeuchen primitive Begriffe benutzen, die vielleicht nicht so ganz zutreffen werden. Der Priester setzt sich dann vor das Bild des Toten auf ein Sitzkissen, verbeugt sich mehrmals und laesst Toene von einem Instrument erklingen. Dann begibt er sich auf die linke Seite und beginnt einen summenden Gesang. Da meine Sicht auf den Priester ja ein bisschen versperrt war, habe ich erst gar nicht mitbekommen, dass er singt. Es hat sich wirklich angehoert, als wuerde es aus einem Radio kommen. Dieser Gesang war auf jeden Fall sehr eindrucksvoll. Waehrend er sang, schlug er die ganze Zeit auf die verschiedenen Trommeln, manchmal auch mit zunehmendem Tempo. Aufgefallen ist mir, dass bei einer bestimmten Gesangsphrase, die fuer mich wie "Noweldawidaweldowel" (3x wiederholt) klang, alle Anwesenden ihre Juzu (Gebetsperlen) nahmen und beteten. Im Laufe des Gesangs ging ein fahrender Kasten rum. Als er bei Otousan angekommen war, beobachtete ich genau, was er macht und bereitete mich darauf vor, es nachzumachen. Zuerst wirfrt man zwei 10-Yen Muenzen rein (Geld spielt bei buddhistischen Beerdigungen eine wichtige Rolle. Ich nehme mal an, es soll dem Toten mit auf den "Weg" gegeben werden.), dann nimmt man ein wenig Senko, was soviel wie Weihrauch ist, haelt es sich kurz an die Stirn und gibt es auf ein kleines gluehendes Haeufchen. Der Vorgang mit dem Senko wird dann noch zwei mal wiederholt. Anschliessend gibt man den Kasten weiter. Haben alle Anwesenden den Kasten benutzt, wird er nach vorne zum Altar gefahren. Kurz danach endete auch der Gesang des Priesters. Er begibt sich wieder zu dem Sitzkissen vor dem Bild des Toten und fuehrt eine Art Selbstgespraech. So kam es mir zumindest vor. Es sah aus, als haette er die Familienmitglieder angesprochen, aber sie gaben keinerlei Antwort. Danach ist die erste Zeremonie zu Ende. Ich verliess den Raum mit allen anderen und ging in eine nahegelegene grosse Halle, in der sich japanische Grabsteine und viele Sockel fuer weitere Grabsteine befanden. Nachdem wir uns vor dem Grabstein von Okaasans Vater platzierten, sang der Priester erneut. Auch diesmal kam die besondere Gebetsphrase vor. Der Gesang war bedeutend kuerzer. Auf dem Grabstein befanden sich weiterhin Lebensmittel, auch diesmal vermute ich, diese sollen dem Verstorbenen mit auf den "Weg" gegeben werden. Anschliessend wurde unter den Grabstein in einen kleinen Raum noch ein Paket gelegt. Was da drin war, weiss ich nicht. Die ganze Zeremonie ueber ist immer eine Miniaturausgabe des Grabsteins, bloss in Gold und Schwarz, zugegen. Das war die komplette Zeremonie. Ich habe soviel wie moeglich probiert davon wiederzugeben!
Nach der Zeremonie wurde der Mini-Grabstein mitgenommen und alle Familienmitglieder (inkl. mir) fuhren zur Farm von Oniisan, wo es ein sehr leckeres Festmahl gab. Ich habe sehr viel neue Sachen probiert, unter Anderem auch Sushi mit Octopus! Ich wollte schon immer mal wissen, wie es ist, diese Saugnaepfe zu essen. Der Octopus schmeckt nach normalem Fisch, recht lecker, die Saugnaepfe hingegen sind ziemlich geschmackslos und knacken ein bisschen beim Kauen. Ausserdem gab es als Dessert etwas, was wie Vanillepudding aussah, aber so etwas wie Eierschaum war. Geschmacklich erinnerte es an Omelette, doch nach drei Bissen hing mir das Zeug zum Hals raus, weil es wirklich nur pures kaltes und glibbriges Eigelb war. Dezent habe ich wieder den Deckel raufgemacht und es weggestellt, natuerlich so, dass es keiner sehen konnte. Und wieder: Nach dem Essen raeumten alle anwesenden Frauen auf, waehrend die Maenner sich andersweitig begnuegten. Ich wollte helfen, mir wurde aber immer wieder gesagt, ich solle mich hinsetzen (natuerlich ganz hoeflich). Dann haben wir noch ein paar Reste mitgenommen. Bevor man geht, musste man sich in dem hauseigenen Altar von dem Bild des verstorbenen verabschieden. Sowohl Mini-Grabstein als auch das Bild werden in dem Altar platziert. Man zuendet ein Raeucherstaebchen an, schlaegt eine kleine Glocke und betet mit den Jizu. Wenn man fertig ist, laeutet man wieder die Glocke und geht. Es ist eine lustige Familie und als Blondschopf war ich natuerlich manchmal wieder Mittelpunkt ihrer Konversationen, was einem nicht sonderlich behagt, wenn man nichts versteht.
Zu Hause angekommen gab es noch Kaffee mit Kuchen. Ich war so guetig und habe dann eine der wertvollen Milka-Tafeln geoeffnet. Okaasan ass zwei, Otousan vier und ich acht Stueck. Anschliessend guckte Okaasan als verantwortungsbewusste Ernaehrungsspezialistin auf die Kalorien und stellte fast, dass man pro Stueck 1km joggen muesste. Mir hat das nichts ausgemacht, aber Okaasan hat einen riesigen Schrecken bekommen.
Das wars mal wieder. Meine rechte Hand ist eingefroren und meine Fingerkuppen sind wund geschrieben.
Dein Jonathan
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P.P.S.: Kommentare sind immer gern gesehen! (Ich muss ja auch mal was zum Lesen haben.)
hey jonathan!
AntwortenLöschengestern warn bei uns die 12 japanerinnen zum chor und haben eine beeindruckende darstellung geliefert - war ganz lustig^^
pierre und ich haben alles augenommen & bei gelegenheit können wirs ja mal bei youtube hochladen oder so... ;)
nach dem chor standen lukas, pierre, thomas und ich noch vor dem eingang und da fragt (übersetzt) marina was für ein paar der japanerinnen: sie wollten ein foto mit uns machen xD ich hatte meine schöne mütze auf ^.^
war lustig xD
gleich gehts zur schule: physikklausur :S
bis dann
beeindruckend deine Beschreibung der Beerdigungszeremonie. ich kann das mir richtig vorstellen wies ablief. ich denke dass du grosses glueck hattest so etwas erleben zu koennen.
AntwortenLöschenund? haste die 8 km schon abgerissen?
AntwortenLöschenUnd um die bisher eintragende Familie komplett zu machen, auch von mir nen Kommentar: Wie wunderbar, dass du die Beerdigung miterleben konntest und sie auch nicht, wie hier, so eine TRAUERfeier war bei der man sich als Gast nur unwohl fühlen kann! Das muss Eindrucksvoll gewesen sein - vor allem die golden-schwarze Aufmachung :-)
AntwortenLöschenAber um mal ins Deutschland zu kommen: Du bist ein HONK! Ich wollt doch heut morgen mal schnell zum Jugendamt mit Fahrrad fahren und... ach du Schreck: mein Fahrrad steht nicht mehr im Keller!!!!! Bis ich mich mal erinnern konnte, dass du dir es ja geliehen hattest, ist mir der Arsch ganz schön auf Grundeis gegangen XD Aber ich habs dann noch bei euch rausholen können...
Auf jeden Fall möcht ich dich hiermit darauf hinweisen, dass du nachhaltig Eindrücke hinterlässt ;-P
Und noch eins: Finn fragt seit zwei Tagen nach dir. Er sagt aber auch immer dazu, dass du in Japan bist und ich muss ihm dann auf seiner Landkarte zeigen wo.
Ganz liebe Grüße aus dem frühlingsverheißenden Berlin
haha, von dieser alien karte hab ich auch schon mal gehört XD
AntwortenLöschenwar bestimmt beeindruckend, die beerdigungszeremonie.
wann gehst du denn zur schule?
gucken dich viele leute an? XD (ich denk mal schon)
in estland bekommt man man, wenn man weder russe noch este is einen aliens passport!
AntwortenLöschenKlingt mal wieder sehr spannend, was du erzaehlst. :) Vorallem das mit der Beerdigung. Ich habe mich sowieso schon ganz oft gefragt, wie sowas in anderen Laendern ablaeuft...
AntwortenLöschenich war heut mit Taennie unterwegs, war voll lustig.
Meld dich mal wieder. ♥
Aenntchen
oman das ist echt ne krasse erfahrung.
AntwortenLöschenrespekt
dieses eieromlettzeug hab ich auch schonmal probiert
ich musste voll mein brechreiz unterdrücken.
julia hat von der fahrrad aktion erzählt XDD
man ehy die hat sich ziemlich verarscht gefühlt.
ich musste finn erklären warum du in japan bist war nicht leicht.
bis dann viel spaß